12. Archivwissenschaftliches Kolloquium der Archivschule Marburg vom 12. bis 13. Juni 2007

 
 
kollo2Mit rund 100 Teilnehmern aus Deutschland, der Schweiz und Rumänien fand am 12. und 13. Juni das 12. Archivwissenschaftliche Kolloquium der Archivschule Marburg statt. Die zweitägige Veranstaltung widmete sich der Thematik von „Quellenarbeit und Schriftgutverwaltung - Historische Hilfswissenschaft im Kontext archivischer Aufgaben“.
  
Die Beiträge der 10 Referentinnen und Referenten setzten sich in vier Sektionen mit unterschiedlichen Themenfeldern auseinander. Im Mittelpunkt standen hierbei zunächst die klassischen Archivaliengattungen Urkunde, Amtsbuch und Akte sowie deren archivische Bearbeitung und Bedeutung. Im Fokus stand stets die Frage, wie die klassischen Hilfswissenschaften vor dem Hintergrund moderner Anforderungen verstanden und für diese nutzbar gemacht werden können.
 
In der ersten Sektion über Neue Techniken der Urkundenbearbeitung diskutierte Dr. Henning Steinführer die Zukunft von Urkundenbüchern und skizzierte die Ziele hinsichtlich der bislang nur unbefriedigend erschlossenen Braunschweiger Urkundenbestände des 15. Jahrhunderts. Sein Plädoyer für eine differenzierte, tiefe Erschließung bildete einen Gegensatz zu der folgenden Vorstellung eines Projekts im Landeshauptarchiv Koblenz. Dr. Pauline Puppel skizzierte zunächst die Vorgaben der Verwaltungsreform und die Nutzung von Kennzahlen als ein wichtiges Steuerungsinstrument, um vor diesem Hintergrund die Erschließung von 12.000 Urkunden innerhalb eines einjährigen Projektes zu schildern. Den Nachteilen einer derartig flachen Erschließung auf Basis vorhandener handschriftlicher Findmittel – z.B. die Übernahme von Fehlern und das Fehlen einer standardisierten Verzeichnung – stellte sie die schelle Bearbeitung gegenüber, hätte eine tiefe Erschließung des Bestandes doch ca. 13 Jahre in Anspruch genommen. Dr. Andreas Berger thematisierte anschließend die Möglichkeiten und Grenzen der Urkundenverzeichnung mit verschiedenen Erschließungsprogrammen. Er hob hervor, dass die derzeitige EDV kaum technische Grenzen aufweise. Hemmnis für eine tiefe, alle fachliche Anforderungen erfüllende Urkundenerschließung seien allein die vorhandenen personellen wie finanziellen Ressourcen.
 
kolloquium1Bild 2
Die Teilnehmer der ersten Sektionssitzung, v.l.n.r.: Dr. Henning Steinführer, Dr. Frank M. Bischoff, Dr. Karsten Uhde, Dr. Pauline Puppel, Dr. Andreas Berger
           
In der zweiten Sektion über Amtsbücher stellte Dr. Andreas Petter die Amtsbuchregistraturen als Anfänge rationeller Schriftgutverwaltungen und als herausragende Zeugnisse des vormodernen Archivprozesses vor. Frau Dr. Margit Ksoll-Marcon schlug den Bogen zur modernen Amtsbuchführung und erläuterte die elektronischen Handelsregister, Genossenschaftsregister und Unternehmensregister, die seit Januar 2007 geführt werden. Sie betonte, dass sich diese Register der herkömmlichen Schriftgutverwaltung entziehen. Da sie Rechtskraft besitzen, schreibe der Gesetzgeber die Form der Register genau vor und lege auch die Metadaten bis ins Detail fest. In der folgenden Diskussion wurden der Rechtscharakter und der Vertrauensschutz der Amtsbücher betont, der auch heute noch gegeben sei und einen roten Faden durch die Entwicklung des Amtsbuchwesens darstelle.
 
Die dritte Sektion am Mittwochvormittag widmete sich der Aktenkunde. Dr. Karsten Uhde skizzierte die bisherigen Klassifikationen nach Altem und Neuem Stil und diskutierte die Frage nach der zeitlichen Zäsur für einen „neuesten“ Stil. Am Beispiel der E-mail eines Ministeriums an die Archivschule verdeutlichte er die gegenwärtigen Probleme: Es komme immer häufiger zu einer fehlenden Übereinstimmung von Inhalt und Form, wodurch eine Weisung wie ein Privatschreiben erscheinen könne. Nicht nur die zeitliche Grenze dieses „neuesten“ Stils, sondern auch die Entwicklung eines Schemas und die Schaffung einer Terminologie stellen jedoch noch ein Desiderat dar. Zur Bearbeitung dieser Lücken schlug Dr. Uhde die Schaffung einer Arbeitsgruppe vor. Dr. Udo Schäfer analysierte in seinem Vortrag die Schnittmenge zwischen Aktenkunde und Records Management des 21. Jahrhunderts. Er zeigte Parallelen zwischen der genetischen Aktenkunde, die sich vor allem mit Geschäftsgängen auseinandersetze, und der modernen Aktenkunde auf. Methoden und Instrumente der Aktenkunde können daher auf elektronische Unterlagen übertragen und für diese nutzbar gemacht werden. In der anschließenden Diskussion wurde die Notwendigkeit dieses Ansatzes betont, aber auch die Frage nach der Reichweite der Aktenkunde für die Schriftgutverwaltung gestellt, da Aktenkunde stets die einzelnen Bestandteile von Akten, nicht aber die Abgrenzung von Dokument, Vorgang und Akte oder gar die Ebene der Aktenpläne in den Blick nehme.
 
Die letzte Sektion setzte sich mit der Rolle der Hilfswissenschaften im 21. Jahrhundert auseinander. Prof. Dr. Marita Blattmann von der Universität Köln widmete ihren Vortrag den Prognosen für die Zukunft der Hilfswissenschaften nach dem Abschluss des Bologna-Prozesses. Sie schilderte die Probleme bei der Umstellung auf den BA- und MA-Studiengang und die drohende Unsichtbar-Werdung des Faches, das mehr und mehr im Großfach Geschichte aufgehe. Sie thematisierte die damit verbundenen Probleme für Studierende wie für Lehrende, stellte abschließend aber auch einige Lichtblicke vor. Prof. Dr. Robert Kretzschmar hob in seinem Vortrag die Bedeutung der Hilfswissenschaften für die Archive hervor, betonte aber auch, dass die Hilfswissenschaften ihren zentralen Stellenwert in der Forschung verloren habe und im Berufsalltag nur noch eine geringe Rolle spiele. Ihr könne dann eine neue Bedeutung zuwachsen, wenn Sie die einseitige Ausrichtung auf das Mittelalter überwinde und eine Neuausrichtung in Symbiose mit der Archivwissenschaft anstrebe. Notwendig seien v.a. die Entwicklung von Methoden und Werkzeugen für die Arbeit mit Quellen vom frühen Mittelalter bis in die Gegenwart.
 
Dr. Frank Bischoff, Leiter der Archivschule Marburg, beschloss die Tagung mit einem Dank für die große Diskussionsbereitschaft der Teilnehmer.
 
© Alexandra Lutz 2007

© 2007    E-Mail , Stand: 21.07.2009


12. Archivwissenschaftliches Kolloquium 2007: Quellenarbeit und Schriftgutverwaltung