




Schon im Mittelalter gab es in Marburg ein Judenschule, für die die Marburger Juden abgabepflichtig waren. Diese Einrichtung war keine Schule im engeren Sinne, sondern das Bethaus und kultische Zentrum der jüdischen Gemeinde, obwohl hier junge Marburger Juden nicht nur erste Kenntnisse der Schrift, sondern auch anderes Wissen vermittelt bekamen, da ihnen die Stadtschule verschlossen blieb. In einer Urkunde von 1317 wurde die Judenschule zum 1. Mal erwähnt, und aus einer anderen Urkunde von 1881 ging hervor, daß sich diese Schule in der Judengasse, dem heutigen Schloßsteig, befand. 1452 wurde die Judenschule abgerissen, und bis zur Errichtung einer neuen eigenen Schule besuchten die jüdischen Kinder die Stadtschule. In den 60er Jahren des 19. Jh.nahm die Judenschule ihren Schulbetrieb als Elementar- oder Volksschule erneut auf. Vor dem 1. Weltkrieg gingen etwa 30-40 Kinder auf diese Schule.
Während der Weimarer Republik und der nationalsozialistischen Zeit sanken die Schülerzahlen rapide auf 13 Schüler 1938. 1933 wurde die Judenschule geschlossen, und von da an fand der Unterricht in der Synagoge bzw. nach deren Zerstörung in einer Privatwohnung statt. 1934 wurde die Schule wieder eröffnet, aber mit der Übernahme der Judenschule durch die Reichsvereinigung der Juden zum 1.10.1939 wurde der Schulbetrieb endgültig eingestellt. Sie war eng mit dem Israelitischen Heilerziehungsheim verbunden gewesen.
Das Israelitische Heilerziehungsheim wurde am 1.10.1928 eröffnet, nachdem 1927 das im gleichen Gebäude befindliche Israelitische Schüler- und Lehrlingsheim geschlossen worden war. Am 20.1.1929 fand die Einweihung des umgebauten mehrstöckigen Hauses statt. Das Heim war für jüdische Knaben im schulpflichtigen Alter bestimmt, die man aufgrund ihres unausgeglichenen Seelenlebens und psychischer Defekte infolge von Veranlagung oder Entwicklungsstörungen für schwererziehbar ("psychopathisch") hielt. Es wurden aber auch Kinder aufgenommen, deren Erziehung durch ihr häusliches Milieu gefährdet war. Keine Aufnahme in diesem Heim fanden Kinder, die organisch oder geistig krank waren. Die Zöglinge sollten durch das Leben in der israelitischen Gemeinschaft zu nützlichen Gliedern der menschlichen und jüdischen Gesellschaft herangebildet werden.
Die Lehrpläne dieser Einrichtung entsprachen denen der normalen Volksschule, und bis zum Machtantritt der Nationalsozialisten stand man in engem Kontakt zu nicht - jüdischen Personen und Institutionen, wie z. B. Universitätsprofessoren, Wohlfahrtsorganisationen oder Psychiatern. Mit der Einstellung des Schulbetriebs wurde auch das Israelitische Heilerziehungsheim 1939 geschlossen.
Literatur: Sieglind Ellger - Rüttgardt (Herausgeberin): "Verloren und Un-Vergessen - Jüdische Heilpädagogik in Deutschland, Weinheim 1996.
Erhart Dettmering/Rudolf Grenz (Herausgeber): "Marburger Geschichte - Rückblick auf die Stadtgeschichte in Einzelbeiträgen", Marburg 1980.
Zusammengestellt von Sabine Dietzsch