




ein archivtheoretisches Konzept (Records Continuum model), das aus der Kritik zum Life Cycle Concept heraus den Lebenszyklus einer Akte von ihrer Entstehung bis ins Archiv hinein als eine Einheit sieht und eher die verschiedenen „Dimensionen“ einer Akte betont. In der Praxis soll damit das Über- und Ineinandergreifen von Schriftgutverwaltung und Archiv in den Vordergrund gerückt werden.
Nachdem beispielsweise Jay Atherton bereits in den 1980er Jahren ähnliche Ansätze vorgestellt hatte, wurde das Records Continuum model in den 1990ern unter anderem von Frank Upward in Australien entwickelt. Hintergrund war dabei offensichtlich auch das verstärkte Aufkommen der elektronischen Akte. Das Records Continuum model versteht sich als Antwort auf das Life Cycle Concept, das stark die verschiedenen Lebensphasen einer Akte unterscheidet und zudem eine klare Trennung zwischen Behörde und Archiv festschreibt. Dieser Trennung und der Betonung einer streng chronologischen und linearen Abfolge der Lebensphasen stellt das Records Continuum model eine Denkweise entgegen, die die Phasen deutlicher miteinander verbindet und die lineare Abfolge weniger hervorhebt. Es sollen alle Aspekte und Funktionen einer Akte verknüpft werden.
Stärker als die Lebensphasen betont das Records Continuum model deshalb vier funktionale, zeitgleich zu verstehende Dimensionen einer Akte: creation, capture, organisation und pluralisation. Mit creation wird dabei die Entstehung der Akte als eine „Spur“ oder eine Aufzeichnung eines bestimmten geschäftlichen Handelns bezeichnet. Capture steht für die Dimension der Akte als ein Nachweis für dieses Handeln. Mit organisation wird die Dimension der Akte als Teil des korporativen Gedächtnisses einer bestimmten Organisation gesehen. Pluralisation schließlich steht für die Verbreitung oder „Vervielfältigung“ einer Akte im breiteren gesellschaftlichen Gedächtnis und somit in der Geschichte.
Das Records Continuum model versteht sich als strategisches Planungskonzept, mithilfe dessen von Anfang an Standards, Bewertungskriterien u.a. festgesetzt werden können, die für Schriftgutverwaltung und Archiv gemeinsam gelten. So soll beispielsweise für elektronische Akten die sichere Aufbewahrung und Lesbarkeit der Daten durch gemeinsame und einheitliche Metadaten sichergestellt werden. Schriftgutverwaltung und Archiv werden also als Einheit gesehen und wechselseitig integriert. Zwischen beiden Bereichen soll es zur Zusammenarbeit kommen: Der Schriftgutverwalter (records manager) ist für die Belange der Archivierung mitverantwortlich und hat diese im Blick, der Archivar berät und unterstützt den Schriftgutverwalter bei seiner Arbeit. Beide erarbeiten gemeinsam Konzepte für den gesamten Lebenszyklus einer Akte.
Während die zuletzt genannten praktischen Vorstellungen der Zusammenarbeit von Schriftgutverwaltung und Archiv mittlerweile auch in Deutschland Verbreitung finden – allerdings fälschlicherweise eher mit dem Begriff des Life Cycle Concept in Verbindung gebracht werden – wurden die theoretischen Grundlagen des Records Continuum model hierzulande kaum rezipiert.
Literatur: Atherton, Jay, From Life Cycle to Continuum: Some Thoughts on the Records Management-Archives Relationship, in: Archivaria 21 (1985/1986), S. 43–51; Bettington, Jackie u.a. (Hgg.), Keeping Archives, Canberra ACT 32008; Stemson, Michael, Confident Australian Records Managers pick up the Challenges of the Future. A review of the RMAA annual conference, September 14-17, 1997, in Perth WA., in: The Caldeson Consultancy, URL: http://caldeson.com/confidnt.html (12.06.2009); Upward, Frank, In Search of the Continuum: Ian MacLean’s ‘Australian Experience’ Essays on Recordkeeping, in: Sue McKemmish / Michael Pigott (Hgg.): The Records Continuum. Ian MacLean and Australian Archives First Fifty Years, Clayton Vic. 1994, S. 110–130. Für Hinweise sei Karen Anderson, Perth WA (Australien) / Härnösand (Schweden) gedankt.