Exkursion der Archivreferendare nach Prag
Die alljährliche große Exkursion der Archivreferendare, die traditionell eine der europäischen Metropolen und deren Archive zum Ziel hat, führte den 44. Wissenschaftlichen Kurs vom 23. bis 27. August in die tschechische Hauptstadt Prag und ermöglichte interessante Einblicke in das tschechische Archivwesen. Allerorten wurden die Archivreferendare mit ihrer Mentorin Frau Dr. Alexandra Lutz ausgesprochen offen und freundlich empfangen. Insgesamt wurden das Nationalarchiv (Abteilung 1), das Stadtarchiv Prag, das Archiv der Sicherheitsdienste (inklusive des Instituts zur Erforschung totalitärer Regime), das Archiv der Karls-Universität, der Lehrstuhl für Historische Hilfswissenschaften und Archivwissenschaften an der Karls-Universität sowie die Bibliothek des Klosters Strahov besichtigt.
Der 44. WK und Mentorin Dr. Alexandra Lutz auf dem Dach des Stadtarchivs Prag (Foto: Ondrej Bastl)
In allen Archiven wurde den Referendaren der Reichtum der böhmisch-tschechischen Geschichte präsentiert. Die Herrschaft Kaiser Karls IV., die Umwälzungen im Dreißigjährigen Krieg oder die Ereignisse des Jahres 1989 waren nur einige der Höhepunkte, deren schriftlichen Zeugnisse studiert werden konnten. Über das Archivgut hinaus wussten aber auch manch moderne Entwicklungen zu beeindrucken. Nach einer Vernachlässigung des Archivwesens unter dem sozialistischen Regime erhielten sehr viele tschechische Archive in den 1990er Jahren Neubauten, etwa das Stadtarchiv Prag, das nicht nur durch seine schiere Größe, sondern auch durch sein Äußeres in Erinnerung blieb, welches mehr an ein modernes Konzern- als an ein Archivgebäude erinnerte. Ebenfalls modern zeigte sich die tschechische Archivgesetzgebung, die zu den liberalsten Regelungen in Europa gehört. Fortgeschritten sind auch Digitalisierungsprojekte, die beispielsweise in Zusammenarbeit mit dem internationalen Projekt „Monasterium“ bestehen und die tschechischen Urkunden online verfügbar machen. Ein Besuch am Lehrstuhl für Historische Hilfswissenschaften und Archivwissenschaften der Karls-Universität vermittelte Informationen über die Archivausbildung in Tschechien, die an mehreren Universitäten stattfindet und sich an einem eindeutig hilfswissenschaftlichen Schwerpunkt orientiert. Die Idee zum Besuch der zentralen Staatlichen Archivverwaltung, der alle öffentlichen Archive unterstehen, kam leider erst während der Exkursion auf und konnte nicht mehr realisiert werden. Dennoch waren die Eindrücke der Exkursion vielfältig und sorgen bei den Teilnehmern sicherlich dafür, bei archivischen Entwicklungen zukünftig immer auch einmal auf den tschechischen Nachbarn zu schauen.
Andreas Becker, Bastian Gillner, Christian Reinhard, 44. wissenschaftlicher Kurs
© 2010 Stand: 15.09.2010