Georg Kerschensteiner

Georg Michael Kerschensteiner wurde am 29. Juli 1854 um 4.00 Uhr morgens als Sohn von Anton und Katharina Kerschensteiner in München geboren. Bereits als dreijähriger Knirps riß er, dem 1. Drang nach Selbständigkeit folgend, von zu Hause aus und mit 8 Jahren mußte er erstmalig wegen "Bandendiebstahls" in die Arrestzelle.

Mit 6 Jahren kam er in die Heiliggeist-Pfarrschule in München und als Achtjähriger zu einem Zeichenlehrer. Sein Kunsteifer und seine Begeisterung für Bücher erwachten, und als der Domherr ihm von der Laufbahn als Schulmeister erzählte, ergriff Georg Kerschensteiner die Gelegenheit, da er weder Geistlicher noch Kaufmann werden wollte.

So gelangte er mit 12 Jahren in den ersten Kurs der Präparandenschule in Freising, er durfte im Domchor mitsingen und nach einer dreijährigen Vorbereitungszeit rückte Georg als Seminarist endlich in das Königliche Lehrseminar vor. Als Sechzehnjähriger beendete Georg Kerschensteiner mit der Note 1 im Schlußexamen das Seminar und kehrte nach München zurück.

Am 13. September 1871 setzte die Königliche Schulkommission den absolvierten Seminaristen als Schulgehilfen im Dorf Forstinning im Bezirksamt Ebersberg ein. Er fühlte sich dem Schulpraktikum gewachsen, da er ja während seiner Vorbereitungs- und Seminarzeit viele Leitfäden auswendig hatte lernen müssen und der Seminarlehrer ihn wegen seiner Lehrprobe gelobt hatte. Er war erleichtert, endlich "aus dem Buchdasein in das wirksame Leben zu kommen" und "mit eiserner Strenge" wollte er mit seinen Schülern "Ansehen vor der Welt" erringen, da er schon frühzeitig von dem Ehrgeiz besessen war, immer das Beste zu tun.

Ende 1872 wurde er nach Lechhausen bei Augsburg versetzt, weil er das Königliche Bezirksamt Ebersberg um finanzielle Unterstützung zum Bücherkaufen gebeten hatte. Aber auch dort konnte er mit seiner Klasse nicht den Stand erreiche, den er sich in seinem Ehrgeiz vorgenommen hatte, denn die dortigen Schüler waren noch frecher und fauler als die vorherigen. Da er sich in Lechhausen ebenso einsam fühlte, wie in Forstinning, ging mit seiner Versetzung nach Augsburg im April 1873 endlich eine große Hoffnung in Erfüllung, und es zog ihn mit Begeisterung in die dortigen Bibliotheken sowie zu wissenschaftlichen Treffen mit Gleichgesinnten. Doch eine Bemerkung seines Bruders Joseph rief ihm die eigentliche "Halbbildung der Schulmeister" ins Gedächtnis, und er beschloß auf den Rat des Rektors der Kreisrealschule Dr. Pumplin, das Gymnasium nachzuholen.

Zum 1. Januar 1874 ließ er sich aus dem Schuldienst entlassen. Nach einer Vorbereitungszeit in Form von Privatunterricht bei dem Pater Professor Sepp, einem Ordinarius des Gymnasiums, wurde Georg Kerschensteiner in die Unterprima des humanistischen Gymnasiums der Benediktiner aufgenommen. Seinen Lebensunterhalt verdiente er sich durch das Geben von Privatstunden in Klavier und Gesang. 1877 schloß Georg Kerschensteiner die Gymnasialbildung mit einem guten Zeugnis ab, und er begann zu studieren. Deshalb kehrte er nach München zurück, um an der Technischen Hochschule ein Mathematikstudium zu beginnen. Georg Kerschensteiner widmete sich intensiv seinem Studium, trieb Sport, genoß das feie Studentenleben und beschäftigte sich immer wieder mit dem Malen, Zeichnen und Klavierspielen. Außerdem war er wie viele seiner Kommilitonen Mitglied im Mathematischen Verein.

Im November 1880 hatte sich Georg Kerschensteiner gemäß den Vorschriften an der Technischen Hochschule exmatrikuliert, um an der Universität "civis academicus" zu werden. Am 18. Oktober 1881 fand die Examensprüfung an der Universität statt. Georg Kerschensteiner beendete die Prüfung mit einer guten 2, und seine nächsten Ziele waren nun ein Spezialexamen, die Erarbeitung einer Preisschrift sowie anschließend die Promotion, bevor er seine Jugendliebe Sophie Müller heiraten wollte. Er studierte ein weiteres Jahr, um seine Dissertation zu vollenden und nahm Ende des Jahres eine Anstellung an der meteorologischen Zentralstation in München an, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Seit Herbst 1883 war Georg Kerschensteiner, nun schon Ende Zwanzig, als Assistent für Mathematik und Physik am Melanchthon-Gymnasium in Nürnberg angestellt. In den 80er Jahren war die Pädagogik an den Schulen noch kaum vertreten, aber G. Kerschensteiner versuchte nun, individuelles Leben bei den Schülern zu gestalten und bei jedem Begabungen oder wertvolle Charakterzüge, auch wenn diese sich nicht in Mathematik oder Physik zeigten, zu entdecken und zu fördern. 1883 zählte er zu den Lieblingslehrern des humanistischen Gymnasiums, denn er versuchte, seinen Unterricht so anschaulich und humorvoll wie möglich zu gestalten. Ende Juli 1883 erhielt er an der Ludwig-Maximilian-Universität München in einem feierlichen Akt seinen Doktortitel.

Ende 1885 bot ihm der Nürnberger Stadtrat die Stelle eines Mathematiklehrers an der städtischen Handelsschule an, und aufgrund des besseren Gehalts verließ er dafür das Gymnasium. 1884 konnte er endlich seine fast zehnjährige Braut Sophie heiraten. Innerhalb kurzer Zeit bekamen sie 2 Söhne, aber in der Handelsschule gab es für Georg Kerschensteiner viele Enttäuschungen über die schlechte Qualität der Schüler und wegen seiner Kollegen, die keine so hohe Auffassung vom Lehrerberuf hatten wie er. Am 1. September 1890 wurde Georg Kerschensteiner als Gymnasiallehrer für Mathematik und Physik an das Gustav-Adolf-Gymnasium in Schweinfurt versetzt, wo er neben diesen Fächern auch den naturkundlichen Unterricht in den unteren Klassen übernehmen sollte. Im Gegensatz zum Lehrplan, der die völlig enzyklopädische Behandlung des Lehrstoffes vorschrieb, praktizierte er seinen Unterricht anschaulich und oft am lebenden Objekt in der freien Natur.

Am 1. Oktober 1893 mußte Georg Kerschensteiner erneut seine Stellung wechseln und unterrichtete nun Mathematik, Physik und Naturkunde am Ludwig-Gymnasium in München. In der Mathematik fand er das Glück seines Berufes, und so konnte ihm der enzyklopädische Naturkundeunterricht seine Lehrfreudigkeit nicht nehmen, auch wenn er manche seiner inzwischen gewonnenen pädagogischen Einsichten vernachlässigen mußte.

Zum 1. August 1895 wurde Georg Kerschensteiner zum Stadtschulrat ernannt und konnte nun seine bis dahin erworbenen pädagogischen und charakterlichen Einsichten bei der Durchführung von Schulreformen anwenden, da er nicht nur ein fleißiger Schulverwaltungsbeamter sein wollte. Im 3. Jahr seiner Amtszeit konnte er sich endlich bei seiner ersten Aufgabe, der Reform des Lehrplans der Münchener Volksschulen, beweisen. Er baute den Lehrplan auf den Grundsätzen auf, die er sich während seiner langen Lehrertätigkeit erworben hatte, und der neue Lehrplan wurde von der Kreisregierung angenommen. Dazu veröffentlichte Georg Kerschensteiner in dem Buch "Betrachtungen zur Theorie des Lehrplans" seine Grundsätze, was sowohl positive als auch negative Meinungen der Lehrerschaft hervorrief.

Zu seinen Aufgaben gehörte auch die Organisation der Fortbildungsschulen. Er war der Überzeugung, daß sowohl die Volks- als auch die Fortbildungsschule zu einseitig auf die intellektuellen Interessen der Jugend eingestellt waren, währen die manuellen Arbeiten vernachlässigt wurden. Georg Kerschensteiner wollte die praktischen Neigungen zum Ausgangspunkt der Erziehung in Schule, Werkstatt und Familie machen. Zwischen 1800 und 1906 beschäftigte er sich fast ausschließlich mit der Organisation von "Arbeitsschulen" und fachlichen Fortbildungsschulen sowie mit der Einführung des Arbeitsunterrichts an den Volksschulen. Er machte aus den 8. Klassen der Volksschulen Pflichtklassen und führte dort neben dem berufsvorbereitenden Arbeitsunterricht, wie z.V. in der Metall- und Holzverarbeitung, auch wissenschaftliche Fächer wie den Physik- und Chemieunterricht ein. Die vorrangige Aufgabe des Unterrichts sah er darin, daß sich die Schüler durch Eigentätigkeit den Stoff selbst erarbeiten müssen und ihn nicht mehr ausschließlich vorgetragen bekommen.

Diese 8. Volksschulklassen wollte Georg Kerschensteiner nun zu berufsausbildenden Schulen ausbauen. Er erstellte dazu einen großen Organisationsplan und setzte ihn in München in die Praxis um. Innerhalb von 6 Jahren errichtete er 40 fachlich organisierte Fortbildungsschule in München, die mit den entsprechenden Werkstätten ausgerüstet waren. 1904 wurde Georg Kerschensteiner der Titel "Studienrat" verliehen. Durch seine Münchener Organisation wurde er in der gesamten pädagogischen Welt bekannt, er hielt viele Vorträge darüber, und in anderen Ländern errichtete man nach seinem Vorbild ebenfalls Berufsschulen. In Verbindung mit den Vorstellungen Pestalozzis sprach Georg Kerschensteiner von den zukünftigen Schulen als !Arbeitsschulen", worunter er verstand, daß "der Arbeitsraum der Schule die Zentralwerkstätte der kindlichen Aktivität wird, in der es die gewonnenen Schätze der Buchschule verwerten kann." (S. 158)

In den nächsten 12 Jahren wurden weitere Fortschritte in der Schulorganisation erzielt, vor allem mit der Einrichtung von ländlichen Fortbildungsschulen und Versuchsschule auf der Grundlage des Arbeitsschulgedankens, aber auch mit der Ausdehnung des Werkstattunterrichts. Es gab aber trotz Kerschensteiners großen pädagogischen Erfolgen immer noch eine Vielzahl von Kritikern, die z.B. die Großzügigkeit seiner Schulbauten bemängelten.

Seit März 1911 trug Georg Kerschensteiner den Titel "Oberstudienrat", und von 1912-1919 vertrat er die Fortschrittliche Volkspartei als Abgeordneter im Reichstag, wobei er sich immer wieder zu seinen liberalen Ansichten bekannte.
1915 starb seine Frau Sopie, und seine beiden Schwiegertöchter zogen bei ihm ein, um ihm den Haushalt zu führen. Am 16.12.1917 heiratete Georg Kerschensteiner zum 2. Mal, und zwar die Witwe Dr. phil. Marie Dürr.

Am 15. September 1919 schied Georg Kerschensteiner nach 25-jähriger Amtszeit als Leiter des Münchener Schulwesens aufgrund seines schlechten Gesundheitszustandes aus dem Dienst der Stadt München aus, denn schon am 22.11.1918 war er vom Senat der Universität München zum Honorarprofessor für Pädagogik ernannt worden. In dieser Zeit konnte er während seiner vielen Vorträge die Richtigkeit seiner pädagogischen lehrsätze überprüfen und wissenschaftlich fundieren, wobei er sich mehr vom praktischen zum theoretischen Verhalten wendete und ihm unter anderem auch der Plan eines technischen Gymnasiums vorschwebte. Ein Angebot der sächsischen Regierung für das Amt als Ordinarius der Pädagogik in Leipzig 1920 lehnte er ab, aber der gleichzeitig erfolgten Berufung ans Reichsministerium in Berlin wegen der Umwandlung der Kadettenschulen in bürgerliche Erziehungsschulen konnte er nicht widerstehen. Eine dieser Anstalten sollte unter seiner Leitung eine Musterschule nach den Grundsätzen seines Arbeitsschulgedankens werden, worin er die nochmalige Verwirklichung seiner Lebensaufgabe, nämlich der Organisation von Berufsschulen auf der Grundlage der Arbeitsschule, sah.

Angebote der türkischen Regierung und des irischen Freistaates lehnte er ab, da er weder sein Lehramt an der Universität noch seine Studenten so lange im Stich lassen wollte. Georg Kerschensteiner erhielt in den folgenden Jahren noch eine Reihe weiterer Titel verliehen, er wurde Senator der Deutschen Akademie, zum 70. Geburtstag Geheimer Oberstudienrat, Ehrendoktor der Kulturwissenschaften an den Technischen Hochschulen in München und Dresden sowie Vorstand des Deutschen Museums in München.

Doch schon in den 1920er Jahren hatten sich bei ihm Anzeichen seiner tödlichen Krankheit eingestellt, und am 15. Januar 1932 starb Georg Kerschenstein im Alter von 78 Jahren. Viele Menschen legten dem Kinderfreund zum Abschied Blumen auf sein Grab, unter anderem ein Lehrer, der einen Kranz mit der Aufschrift "Von allen Kindern der Welt" niederlegte.

Georg Kerschensteiner war der Vorkämpfer eines einheitlich aufgebauten Schulsystems, förderte den naturwissenschaftlichen Unterricht sowie Kunsterziehung und rückte die Charakterbildung der Schüler in den Mittelpunkt der Schulerziehung. Die Arbeitsschule wurde somit zu einem durchgehenden methodische Prinzip der körperlichen und geistigen Erarbeitung im Bericht des gesamten Schulwesens, denn Kerschensteiner war der Ansicht, daß echte Bildung, die zugleich Charakterbildung sei, auch durch Berufserziehung verwirklicht werden könne, wobei die Erziehung zum Staatsbürger im Vordergrund stehe.

In seinen Schriften bemühte er sich u.a. um den Begriff der Bildung, welche nur durch solche Kulturgüter ermöglicht werde, deren geistiges Gefüge der jeweiligen Entwicklungsstufe des Schülers entspricht. Als Georg Kerschensteiner starb, hinterließ er bleibende Erinnerungen an einen der bedeutendsten Pädagogen Deutschlands.

Hauptwerke:
"Die staatsbürgerliche Erziehung der deutschen Jugend" (1901)
"Grundfragen der Schulorganisation" (1907)
"Der Begriff der Arbeitsschule" (1912)
"Charakterbegriff und Charaktererziehung" (1912)
"Wesen und Wert des naturwissenschaftlichen Unterrichts" (1914)
"Grundaxiom des Bildungsprozesses und seine Folgerungen für die Schulorganisation (1917)
"Die Seele des Erziehers und das Problem der Lehrerbildung" (1921)
"Autorität und Freiheit als Bildungsgrundsätze" (1924)
"Theorie der Bildung" (1926)
"Pädagogik der Gegenwart in Selbstdarstellung, 1" (1926)

Literatur: Marie Kerschensteiner: "Georg Kerschensteiner - Der Lebensweg eines Schulreformers", München - Düsseldorf 1954.

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