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Durchblick trotz Nebel

17. Dezember 2025

Das Foto zeigt die Gruppe vor dem Marburger Schloss

Gruppenfoto des 63. FH-Lehrgangs bei der Marburg-Exkursion; Aufnahme: unbekannter Fotograf

Marburg ist nicht nur eine Universitätsstadt mit verwinkelten Gassen und beeindruckenden Bauwerken – die Stadt ist auch ein lebendiges Geschichtsbuch des Rechts. Das haben am 17. Dezember, dem Tag des heiligen Propheten Daniel, 24 tapfere Archivschülerinnen und Archivschüler bei einer rechtshistorischen Exkursion im Rahmen der Veranstaltung „Tektonik der Rechtslandschaft vor 1900“ eindrucksvoll erlebt.

Typisch für den Dezember im Lahntal gab die Stadt ihre im Nebel verborgenen Geheimnisse nicht ganz freiwillig her. Die erste Etappe der Reise war nach einem anstrengenden Aufstieg die Kugelkirche. Nach einer kurzen Rast voller Informationen über die dort früher angesiedelte erste Archivschule in Marburg ging die Wanderung weiter zum Stadttor – nun betraten wir die Sphäre des früheren Stadtrechts. Anschließend begann der erneute steile Aufstieg zu dem im Nebel liegenden Schloss. Dort wurden unsere mutigen Archivschülerinnen und -schüler in Erzählungen von Gefängnissen, Hexenprozessen und längst vergangenen Morden eingehüllt. Es folgten Vorträge zu Luther, Zwingli und dem Marburger Religionsgespräch von 1529.

Das Foto zeigt die Referentin bei dem Referat an der Kugelkirche

Referat an der Kugelkirche im Rahmen der Exkursion; Aufnahme: Anna Wilmsen

Märchenstunde mal anders: Schneewittchen unter der Diskokugel

Anschließend machte sich unsere tapfere Gruppe auf den Abstieg. Vor dem Wohnhaus der Brüder Grimm in der Wendelgasse hörten wir ein Referat, und ja, wir waren am richtigen Haus! Dort erwartete uns eine ungewöhnliche Inszenierung: Unter einer am Haus angebrachten Diskokugel wurde uns die Originalversion von „Schneewittchen“ vorgelesen – deutlich düsterer als die bekannte Disney-Variante. Tatbestand und Rechtsfolge der „bösen und gottlosen Stiefmutter“ wurden sicher herausgearbeitet. Nebenbei erfuhren wir etwas über das Leben der Brüder Jacob und Wilhelm während ihrer Marburger Studienjahre ab 1802 bzw. 1803, als sie hier nicht nur Jura büffelten, sondern auch ihre Arbeiten an den deutschen Märchen und Sagen begannen. Am Savignyhaus, in dem die Grimms häufig zu Gast waren, ging es um den Volksgeist als Rechtsschöpfer, aber strittig blieb, ob er [sa.vi.ɲi] oder [za.ˈvɪ.ni] hieß.

Stationen wie der Hexenturm, der zeitweise als Gefängnis diente, boten Anlass, über Hexenverfolgung, frühneuzeitliche Strafverfahren und die Constitutio Criminalis Carolina zu sprechen. Diese war nach einem Femizid Grundlage der letzten öffentlichen Hinrichtung in Marburg im Jahr 1864. Besonders makaber: der Aberglaube, dass das frische Blut eines gerade Enthaupteten ein längeres und kräftigeres Leben verschaffen würde. Der Kommandeur musste die Menge vom Schafott drängen lassen. Das neblige Wetter passte perfekt zu diesem düsteren Kapitel der Rechtsgeschichte. Leider versagte uns der mystische Nebel den Blick vom Schloss auf die ehemalige Richtstätte Rabenstein.

Geschichte zum Ergehen

Es folgte ein Referat zu den Grausamkeiten, die Marburger Studenten im Jahr 1920 in Mechterstädt begangen haben. An die Opfer erinnert nun eine Tafel am Fuße der Alten Universität.

Das Foto zeigt die Besichtigung des Uni-Karzers

Besichtigung des Uni-Karzers – Marburg-Exkursion des 63. FH-Lehrgangs; Aufnahme: Falko Renner

Danach ging es zum Karzer, einem eindrücklichen Beispiel für die bis 1879 bestehende Sondergerichtsbarkeit der Universitäten, der alle Studenten unterlagen.

In diesem universitätseigenen Gefängnis begegneten uns nackte Fabelwesen, Nilpferde und andere seltsame Geschöpfe. Die ehemaligen Insassen des Karzers leisteten ganze Arbeit, sich an den Gefängniswänden zu verewigen. Dabei ließen sie ihrer Kreativität, ihrem Frust und leider auch ihrem unverhohlenen Antisemitismus freien Lauf. Die in leuchtenden Farben bis heute erhaltenen Zeichnungen erinnern an Freundschaften zwischen Insassen und Wärter und zeigen, dass künstlerisches Talent sogar bis in die Karibik führte. Wir danken Herrn Dr. Lind, dem stellvertretenden Leiter des Universitätsarchivs, für den spannenden Einblick!

Fazit: Zwischen Karzer, Kanzel und Kriminalfällen wurde auf 4,37 Kilometern Rechtsgeschichte die Stadt zum Seminarraum – mit Kopfsteinpflaster statt Hörsaalboden, da sich Rechtsgeschichte besonders eindrücklich dort erschließt, wo sie passiert ist.

Hannah Behling und Sebastian Bojdo unter Mitwirkung des 63. Fachhochschullehrgangs